Die Rodgauer SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Judith Pauly-Bender und ihr Kollege Dr. Michael Reuter, langjähriger Schuldezernent im Odenwald und Fachmann für Ganztagsschulen der SPD-Landtagsfraktion, weisen anlässlich der heutigen Veranstaltung der SPD Jügesheim „Eine Ganztagsschule für jedes Kind?“ auf den zögerlichen Ausbau von Ganztagsschulen in Hessen hin. Die Möglichkeiten, die durch das Ganztagsschulprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ der Bundesregierung mit der Bereitstellung von 4 Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen geschaffen wurden, werden von der Hessischen Landesregierung kaum genutzt:

In den ersten beiden Jahren des vierjährigen Programms, 2003 und 2004, hat Hessen lediglich 6,2 % der ihm zustehenden Bundesmittel abgerufen und liegt damit vor Sachsen-Anhalt auf dem zweitschlechtesten Platz im Vergleich der Bundesländer. Der Ausbau der Ganztagsschulen in Hessen hinkt also im Vergleich zu anderen Bundesländern fatal hinterher.
Ein Grund dafür sehen die Abgeordneten darin, dass Hessen – anders als andere Bundesländer – die Hürden für die Antragsteller bisher so hoch gesetzt hatte, dass die Ablehnung der Anträge der Schulen auf Förderung in den meisten Fällen programmiert war: Anders als andernorts mussten mit dem Antrag auch fertige Raumpläne abgeliefert werden, die vom Schulträger oft nicht zu haben waren. Im Frühjahr wurden diese Vorschriften teilweise außer Kraft gesetzt, allerdings nur für die Gymnasien. Auf Nachfrage der SPD-Landtagsfraktion hatte die Hessische Kultusministerin einräumen müssen, dass die Gymnasien künftig nicht mehr im Landesprogramm ‚Ganztagsschule nach Maß’ aufgenommen werden müssen, um aus dem Bundesprogramm Mittel zu erhalten. Im Gegenzug bedeutet dies, dass die Chancen auf eine Förderung für andere Schulformen der Mittelstufe damit erheblich sinken. Die zukunftgerichtete Weiterentwicklung der Ganztagsschulen wird der Ideologie geopfert, schnellstmöglich die verkürzte Gymnasialzeit in Hessen umzusetzen.
Ein weiteres Problem sehen Dr. Judith Pauly-Bender und Dr. Michael Reuter in der Tatsache, dass die Landesregierung anstatt der enormen Nachfrage der Schulen mit eigenen finanziellen Mitteln zusätzlich zum Bundesprogramm und einer Schwerpunktsetzung ihrer Politik in diesem wichtigen Bereich nachzukommen, versucht, lediglich eine Schmalspurversion von Ganztagsschule zu schaffen. „Die pädagogische Mittagsbetreuung, wie sie im Schuljahr 2005/2006 an 70% (237 von 336) der in Hessen ganztags arbeitenden Schulen betrieben wird, ist ein Anfang, aber kein ausreichender Zustand für eine Schule, die Ganztagsschule im eigentlichen Sinne sein möchte“ so Dr. Reuter, „Der Wunsch von Schulen mit bereits vorhandener pädagogischer Mittagsbetreuung nach einem weiteren Ausbau ist daher verständlich, die Erfüllung dieses Wunsches durch die Landesregierung jedoch kaum aussichtsreich. Für das nächste Schuljahr plant die Landesregierung lediglich die Schaffung von 49 weiteren Schulen mit pädagogischer Mittagsbetreuung.“ „Und damit kommen noch nicht einmal alle Schulen in den Bereich der pädagogischen Mittagsbetreuung, die das gerne möchten“ ergänzt Dr. Pauly-Bender, „die Landesregierung scheint völlig überfordert und unvorbereitet ob der großen Nachfrage nach Ganztagsschulen.“
Im Kreis Offenbach, so ergaben Kleine Anfragen und weitere Nachfragen von Dr. Judith Pauly-Bender an die Landesregierung, gibt es im laufenden Schuljahr 17 ganztägig arbeitende Schulen, davon 6 gebundene Ganztagsschulen, 2 offene Ganztagsschulen und 11 mit pädagogischer Mittagsbetreuung. Die Nachfrage, so die Abgeordnete, sei aber auch vor Ort viel größer und durch allerlei Hürden von der Förderung bisher ausgeschlossen. „Aussicht auf Förderung durch das Bundesprogramm haben in Hessen nur Schulen, die in das Landesprogramm „Ganztagsschule nach Maß“ aufgenommen werden – ausgenommen neuerdings der Gymnasien aus den bereits erwähnten Gründen – “ so Dr. Pauly-Bender weiter, „dieses Landesprogramm birgt aber erhebliche Hürden und befasst sich auch nur mit Anträgen von zum Beispiel Schulen hier im Kreis Offenbach, die durch den Kreis unterstützt werden. Die Anträge der anderen Schulen bleiben unbehandelt. Es ist daher dringend notwendig, dass der Kreis sich zusammen mit den Schulen um eine Förderung auf dem Weg zur Ganztagsschule bemüht und dass die Hessische Landesregierung ihrer Verantwortung für den Bildungsbereich und der Nachfrage nach Ganztagsschulen hier in Hessen gerecht wird.“