Warum es im Jahre 2010 noch immer eines Frauenhauses bedarf? An Reformentwicklungen gewöhnt man sich schnell, man vergisst, wie jung die Geschichte der Frauenrechte ist und auch, wie umstritten sie in der rechtspolitischen Auseinandersetzung Deutschlands war:
Gewaltanwendungen in sozialen Nahbeziehungen und eben auch in der Familie waren lange tabuisiert.
Das Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung trat erst vor 10 Jahren, im Jahre 2000, in Kraft.
Erst seit 8 Jahren ist es den Betroffenen möglich, den nötigen zivilrechtlichen Schutz vor Gewalttaten in ihrem privaten Nahbereich zu beanspruchen. Das Gesetz zur Verbesserung des zivilgerichtlichen Schutzes bei Gewalttaten sowie zur Erleichterung der Überlassung der Ehewohnung bei Trennung wirkt erst seit 2002.
Und auch die Relevanz des sexuellen Zwanges und der sexuellen Gewalt in der Ehe sind noch nicht lange strafrechtsrelevant: Erst seit 1997, also immer noch ganze 7 Jahre nach der Existenz unseres Frauenhauses. Der deutsche Gesetzgeber hat die Vergewaltigung auch in der Ehe erst ab 1997 strafbar gestellt und zwar zunächst noch immer nur als Antragsdelikt. Erst mit der Heraushebung zum Offizialdelikt ist die Vergewaltigung in der Ehe aus der Nähe zu den Bagatelldelikten herausgehoben worden, und zwar dies erst vor 6 Jahren.
Die kleine Tour durch die Rechtsgeschichte ist meine Erklärung für unser Rodgauer Wunder vor 20 Jahren. Wir Frauen in Rodgau und im Kreis Offenbach benötigten nur wenige Monate von der Vereinsgründung, bis zur städtischen Unterstützung des damaligen Rodgauer Bürgermeisters, der breiten Parteienzustimmung, der kreispolitischen Relevanz weiten Etablierung des Projektes.
Der Erfolg hatte viele Mütter und durch sie mobilisierte Väter. Die Gründungsfrauen haben damals ein politisches Streichholz an ein Thema gehalten, dass allen Frauen vor Augen stand, aus der Erfahrung ihrer Töchter, aus der Erfahrung der Kollegin, der Nachbarin, der Mutter, der Cousine, der Vereinskollegin, ja und eben auch nicht selten der eigenen. Insbesondere mussten auch nicht alle das Schlimmste erlebt haben. Die Ohnmacht in einer gewaltnahen Privatbeziehung ist gelegentlich noch schlimmer als die Eskalation.
Das war der Hintergrund für ein eigentlich ganz unwahrscheinliches Zusammenwirken von Frauen unterschiedlicher Weltanschauung, unterschiedlichen Alters, in unterschiedlichen Lebensjahren, in stillem Übereinkommen über die fehlende Erfahrungsgeschichte hinweg zu schauen.
Zusammengewürfelt untergehakt wurden eigentlich ganz unwahrscheinliche Kräfte frei und wirksam. Es wurde nicht gefragt, kann ich da mitmachen, wenn da schon die und die mitmacht, nein, alle hatten das Projekt im Blick und viele, viele steuerten das bei , was ihnen möglich war: Es wurden Satzungen formuliert, Mitgliedschaften gesammelt, kommunalpolitische Gespräche gesucht, Bündnispartner gewonnen, beispielweise aus dem Polizeibereich, anwaltliche Beratungen gesucht, nach einem Grundstück Ausschau gehalten, Finanzierungsmodelle gewälzt, Pressearbeit gemacht, Beratungen bei anderen Frauenhäusern gesucht, Gewaltbetroffene mit Frauenhauserfahrung angehört, ein Vereinsleben etabliert, Mitarbeiterinnen gesucht und eingestellt, eine Bürgschaft erbettelt, Gegenstände gesammelt und ins neue Haus geschleppt, eine vorschriftsmäßige Einrichtung und eine ebensolche Personalbesetzung eruiert, ein Haushalt konzipiert, Rechenschaften abgelegt, Tätigkeitsprotokolle angefertigt, Personalmanagement betrieben, Akzeptanz zwischen Verein und Mitarbeiterinnen erarbeitet , unterschiedliche Vorstellungen zum Kompromiss geführt, Sitzung um Sitzung abgehalten und natürlich auch und in erster Linie Betroffenen Hoffnung gegeben, bis das Hilfsangebot endlich stand und seine Standfestigkeit bis zum heutigen Tage über 20 Jahre behielt!
Viele ganz unterschiedliche Frauen zusammen haben etwas ganz Außerordentliches bewegt, was heute nicht mehr wegzudenken ist, ja, was sogar, dem scheidenden Landrat Walter sei Dank, das soziale Streichkonzert der Landesmittel für das Rodgauer Haus überlebt hat!
Darauf blicken wir heute voller Freude über ein so schönes Jubiläum, dankbar im Nehmen der betroffenen Frauen und Kinder, dankbar auch gegenüber dem Personal des Hauses, das im landesweiten Vergleich ganz besonders kompetent und ganz besonders sachorientiert und ebenso kundig arbeitet.
Manche wird aber auch ein bisschen wehmütig denken. Das haben wir erlebt, würden wir es heute noch einmal so erleben können? 2010 ist nicht 1990.
Hat die Frauenbewegung noch die Kraft, binnen 8 Monaten einen Internationalen Frauentag aus dem Boden zu stampfen, wie 1910/1911, würden wir heute noch einmal in einem ähnlich kurzen Zeitraum wie um das Jahr 1990 herum ein Rodgauer Frauenhaus erstreiten können?
Es war ein frauenpolitischer, ein bürgerschaftlicher, in seiner Art außerparlamentarischer und in seiner Art höchst demokratischer Akt. Ein Akt des unvoreingenommenen Zusammenwirkens lebendiger Frauen mit ihren Unterstützern. Die Mitarbeiterinnen des Hauses waren über die zwanzig Jahre vielen Frauen mit ihren Kindern aufopferungsvolle und kompetente Engel, die Menschen Zuflucht und Hilfe waren, die sonst nicht weiter gewusst hätten.
Ja, sicher: Das Haus hat nicht die Welt geändert. Aber doch ganz bestimmt dies: für die, denen das Haus Hilfe geben konnte, hat sich in der Situation Entscheidendes geändert.
Vielleicht kann die moralische Kraft dieser Einsicht nächsten Initiativen die Kraft geben, ein anderes, ebenso unwahrscheinliches bürgerschaftliches Zusammenwirken in neuen Formen und neuen Herausforderungen zu suchen.
Viele derjenigen, die sich heute hier versammeln, haben dieses Besondere mit anderen Menschen zusammen erlebt und eine solche Erfahrung in ihrem Leben gemacht.